Kolumne September 2022

Über den Herbst, der noch kein Herbst ist und die Wolken des Personalmangels in der Pflege.

Eiderstedt, erster September. Ja, wir wissen das: Heute hat der metrologische Herbst begonnen. Eigentlich fühlt es sich überhaupt nicht so an: Warme Temperaturen, wie es bisher im Sommer generell. Jetzt freuen wir uns, die Sonne zu genießen, ohne nach kurzer Zeit wieder in den Schatten zu flüchten. In den letzten Wochen war es doch so, dass wir uns so fühlten wie am Mittelmeer. Eigentlich könnten wir durch die Klimakrise den Altweibersummer bis Ende Oktober oder November genießen, oder? Dann müssten auch in Nordfriesland die Vor- Hoch- und Nachsaison neu positioniert werden: Wie hat sich das Klima seit den letzten Jahrzehnten verändert: Früher waren es im Sommer maximal vier Wochen mit echtem Strandfeeling. Daneben gab es immer wieder mit vielen Regentagen und Sturm. Die Urlauber müssten sich mit Regenjacken (oft im Partnerlook) und Gummistiefeln eindecken und hatten unser Mitleid für dieses Wetter. Jetzt könnten wir mit unserem Wetter punkten: Bei uns ist es nicht heiß wie im Süden und durch die ständigen Briese spürt man die 30°C nicht. Unsere Region wird in den nächsten Jahren ein „HotSpot“ sein und mehr Urlauber kommen werden, die früher Ferien am Mittelmeer oder Atlantik waren. Willkommen!

Jetzt noch etwas Aktuelles; In diesem Monat werden die Pflegekosten wieder angehoben: „Künftig können nur noch Reiche gepflegt werden?“ Das ist eine drastische Überschrift der Zeitung mit den 4 Buchstaben. Es geht um Vieles: „In der Pflege muss sich etwas radikal ändern, sonst fehlen im Jahr 2035 eine halbe Million Pflegekräfte und wir können viele Alte und Pflegebedürftige nicht mehr versorgen“ sagt die Pflegerats-Präsidentin Christine Vogler. Das bedeutet, wer keine Angehörigen hat, die ihm zur Seite stehen, bekommt keine Hilfe. Die Lebenswelten in den Familien haben sich in den vergangenen Jahrzehnten drastisch verändert, aber das rechtliche verankerte Prinzip der Subsidiartät* bei der Pflege ist jedoch geblieben. Am meisten leiden die vielen Solo-Alten, deren Hilfsbedürftigkeit niemand bemerkt. 3100 Menschen über 70 Jahre haben sich 2020 bei uns das Leben genommen.

Das muss sich ändern. Wir sollten in Gesellschaft und Politik einen Diskurs darüber beginnen, wo wir die rote Linie der Subsidiartät ziehen wollen, um eine strukturelle Reform hin zu einem bedarfsorientierten System anstoßen. Wir sollen handeln, bevor unser Gesundheits- und Pflegesystem endgültig kollabiert. Wir, hier in den Senioreneinrichtungen Eiderstedt haben wir bisher immer unseren Beitrag geleistet und die Krisen hinbekommen, so dass keiner unserer Bewohnerinen und Bewohner darunter leidet. Wir sind bereit, weiterhin die nötigen Opfer zu bringen, damit es weiter so bleibt, auch wenn alle ein bisher mehr leisten müssen.

In diesem Sinne „Anholen deit kriegen“also, Nicht nachlassen führt zum Ziel! Aufmunterung zur Beharrlichkeit.

*Subsidiarität (von lateinisch subsidium ‚Hilfe‘, ‚Reserve‘) ist eine Maxime, die eine größtmögliche Selbstbestimmung und Eigenverantwortung des Individuums, der Familie oder der Gemeinde anstrebt, soweit dies möglich und sinnvoll ist.
Das Subsidiaritätsprinzip besagt daraus folgend, dass (höhere) staatliche Institutionen nur dann (aber auch immer dann) regulativ eingreifen sollten, wenn die Möglichkeiten des Einzelnen, einer kleineren Gruppe oder niedrigeren Hierarchie-Ebene allein nicht ausreichen, eine bestimmte Aufgabe zu lösen.